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Good Bye Phnom Penh

Heute ist die letzte Gelegenheit, die Ausstellung „Phnom Penh: Das Verschwinden verhindern“ in der ifa-Galerie Stuttgart am Charlottenplatz zu sehen. Am Sonntag, 15.09.2013 ist letzter Ausstellungstag, geöffnet von 12 bis 18 Uhr. Eintritt frei. 

Bei der Einführung in die Ausstellung erklärte die Kuratorin Erin Gleeson, dass sie mit den kambodschanischen Künstlern „Rescue Archeology“ machen wollte, eine „Notgrabung“, um zu dokumentieren, was bald verloren sein wird in Phnom Penh. Im Dokumentationsteil der Ausstellung werden Fotos der bedeutendsten Gebäude Phnom Penhs aus den 1960er Jahren gezeigt, für die u.a. der kambodschanische Architekt Vann Molyvann (geboren 1926 in der Provinz Kampot)  verantwortlich war. Er hatte in Paris an der École des Beaux-Arts u.a. bei Le Corbusier Architektur studiert und kam als einer der ersten diplomierten Architekten nach Kambodscha zurück.
„Ich hatte zwar in Frankreich mein Diplom erhalten, doch in Kambodscha wollte mich niemand einstellen. Niemand wusste, was ein Architekt war …“, so erzählt Vann Molyvann im Interview, das sie im Ausstellungskatalog finden. Doch 1956 wurde er vom König Sihanouk zum Nationalarchitekten ernannt. Zwischen 1956 und 1970, heute das „Goldene Zeitalter“ des unabhängigen Kambodschas genannt, entstanden viele neue Gebäude einer „New Khmer Architecture“, die nun abgerissen werden sollen, um für Neubauten Platz zu machen. Das Nationaltheater und das Haus des Ministerrates wurden schon 2008 abgerissen, weitere sollen folgen.
Die Initiative The Vann Molyvann Project will den Versuch unternehmen, die Gebäude wenigstens zu dokumentieren. Sie standen für die Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre, die Suche nach einer nationalen Identität in der Architektur nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich im Jahr 1953. 1957 hatte Vann Molyvann das Unabhängigkeitsdenkmal im Auftrag von König Sihanouk geplant, das 1960 aufgestellt wurde und heute noch in Pnomh Penh steht.

Der Künstler Svay Sareth (geboren 1972 in Battambang) schlägt vor, dieses Unabhängigkeitsdenkmal durch ein neues Denkmal zu ersetzen. Die ganze Stadt verändert sich, warum sollte das Denkmal gleich bleiben? Er entwirft ein Fundament aus altem, verrotteten Holz, auf das eine Pyramide mit blauen PVC-Rohren gestellt wird. Die blauen Rohre, die uns in Stuttgart an die Rohre für das Grundwassermanagement für das Bahnprojekt S21 erinnern können, sind in der Khmer-Sprache „als Metaphern für korrupte Beziehungen zur Macht“ bekannt.

Svay Sareth: Kreisverkehr, 2012
Digital C-Print, 80 x 120 cm
© Svay Sareth

 

Der Künstler Lim Sokchanlina (geboren 1987 in Prey Veng) arbeitet mit dem Medium Fotografie. In seinem Fotoprojekt „Eingegrenzte Zukunft/ Wrapped Future“ , das er seit 2009 verfolgt, fotografiert er Bauzäune, Trennwände, die den öffentlichen, allen zur Verfügung stehenden Raum immer stärker reduzieren. „Das eingezäunte Land ist nicht mehr gegenwärtig, als hätte das, was an diesen Orten verdrängt oder zerstört oder verändert wurde, keinerlei Bedeutung mehr.“  In der Ausstellung zeigt er die Fotografien der Bauzäune Phnom Penhs in Postkartenform, die den Ort der Eingrenzung oder Ausgrenzung genau benennen. Der Ausstellungsbesucher darf sich bedienen.

Khvay Samnang (geb. 1982 in Svay Rieng) hat sich in seiner künstlerischen Arbeit mit dem „White Building“ beschäftigt, er besuchte Bewohner dieses einstigen Vorzeigeprojektes in Pnomh Penh, das inzwischen ziemlich heruntergekommen ist und voraussichtlich ebenfalls abgerissen wird und fotografierte sie in ihren Lebensräumen: Die Natur des Menschen/ Human Nature (2011) nennt er sein Fotoprojekt. Der Künstler bot den Bewohnern die Möglichkeit an, eine Maske zu tragen, um ihre Identität zu schützen.

 

Khvay Samnang: Human Nature, 2010–2011
Digital C-Print, 120 x 80 cm
© Khvay Samnang

2010 führte der Künstler Khvay Samnang neun riskante Performances auf, die als Video in der Ausstellung der ifa-Galerie dokumentiert werden. Auch das Ausstellungsplakat stammt aus dieser Serie. In Phnom Penh gibt es mehrere große Seen, die in jüngster Zeit privatisiert und mit Sand aufgefüllt wurden, um für Investorenprojekte Baugrund zu schaffen. Der fast 90 Hektar große Boeung-Kak-See wurde von einer Investmentgesellschaft aufgeschüttet, um Bauflächen für ein großes Mehrzweck-Wohn- und Freizeitzentrum zu schaffen. Dafür wurden fast 3500 Haushalte, rund 20 000 Menschen zwangsgeräumt. Der Künstler suchte die umstrittenen Orte auf und schüttete sich einen Eimer Sand auf den Kopf.

 

Khvay Samnang: Ohne Titel, 2011
Digital C-Print, 70 x 110 cm
© Khvay Samnang

In der Videodokumentation der Performance „Samnang-Kuhtaxi bewegt Sand, Phnom Penh/ Samnang Cow Taxi Moves Sand, Phnom Penh“ (2011) sieht man, wie der Künstler mit einem Paar Büffelhörnern auf dem Kopf, in der Stadt an den Straßenrändern Sand und Erde zusammenzukehrt und in seinen Karren lädt. Er sammelte den Sand an vielen Ecken der Stadt ein, um damit einem alten Bobaum am Ufer des Mekong wieder Erdreich zu bringen, weil seine Wurzeln freilagen, weil man ihm den Sand nahm, um die Seen aufzuschütten, um darauf Häuser zu bauen, nicht für die Menschen, die davor vertrieben wurden …

Durch diese Aktionen der jungen Künstler aus Kambodscha Khvay Samnang, Than Sok oder der Performance-Künstlerin Tith Kanitha bin ich auf den Krieg um den Sand aufmerksam geworden, der weltweit geführt wird. Arte Future hat zu diesem Thema „Weltweiter Handel mit Sand“ eine Debatte eröffnet. Besonders interessant: Der Geologe Michael Welland spricht über zerstörte Strände und die Macht der Sand-Mafia.

Hervorragender Ausstellungskatalog
Phnom Penh: Das Verschwinden verhindern –  Zeitgenössische Kunst und Stadtentwicklung in Kambodscha – Berlin: 2013. – 192 S. – (connect)
Herausgeber: Institut für Auslandsbeziehungen

zu kaufen für 17 € in den ifa-Galerien Stuttgart und Berlin.
Es ist die weltweit erste umfassende Publikation über zeitgenössische Kunst in Kambodscha in deutscher und englischer Sprache. Die beteiligten Künstler und Künstlerinnen werden mit ihren Werken ausführlich vorgestellt. Essays bieten vertiefende Informationen zur zeitgenössischen Kunst in Kambodscha und zur Stadtentwicklung in Pnomh Penh.

KHMER ARCHITECTURE TOURS bietet Stadttouren in Phnom Penh an.

 

 

 

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