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Mein Kulturtipp: Pasolini Roma

GAMBRINUS Piazza del Cinquecento Roma. Hat sich Pier Paolo Pasolini am Abend des 1.11.1975 hier mit Pino Pelosi getroffen, wenige Stunden vor seiner Ermordung? Foto © Welz

Ich floh mit meiner Mutter, einem Koffer und ein wenig Schmuck, der sich als falsch herausstellte, im Zug, langsam wie ein Güterzug, durch die friaulische Ebene, unter ihrer dünnen und harten Schneeschicht.
Wir fuhren nach Rom. …
Pier Paolo Pasolini, Poeta delle Ceneri (Dichter der Asche), 1966-1967, Ausstellungskatalog „Pasolini Roma“, München 2014, S.9

Mit diesen Worten und mit den dazugehörenden Bildern beginnt die Ausstellung „Pasolini Roma“, die noch bis zum 5. Januar 2015 im Martin-Gropius-Bau Berlin gezeigt wird. Durch Zufall hatte ich die eindrucksvolle, spannend konzipierte Ausstellung im Mai im Palazzo delle Esposizioni in Rom entdeckt. Ich hatte wenig Zeit und war ganz froh, als sich herausstellte, dass sie in deutscher Übersetzung auch in Berlin gezeigt wird.

Die Ausstellung „Pasolini Roma“ beschäftigt sich mit dem italienischen Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini (1922-1975) mit Blick auf seine Beziehungen zu Rom. „Pasolini in Rom: das heißt Poesie, Politik, Begeisterung für das Großstadtleben, Sex, Freundschaft und Kino,“ so schreiben die Kuratoren der Ausstellung Gianni Borgna, Alain Bergala und Jordi Balló.

Die Ausstellung folgt dem Leben Pasolinis, zeitlich und räumlich. 6 Sektionen in der Ausstellung, 6 Kapitel im Ausstellungskatalog entsprechen 6 Phasen im Leben und Schaffen Pasolinis. Jeder neue Lebensabschnitt wird eingeleitet durch den Stadtplan Roms, in dem die Orte, die für ihn bedeutsam waren, eingezeichnet sind. Briefe, Fotos, Gedichte, Artikel, Fragmente von Inszenierungen, Filme, Zeugnisse zahlreicher Persönlichkeiten und seiner Freunde dokumentieren seine künstlerische und persönliche Entwicklung.

Kapitel I
Zugfahrt nach Rom, Blick aus dem Zugfenster, Ankunft Stazione Termini Roma am 28. Januar 1950. Er ist 27 Jahre alt und in Begleitung seiner Mutter. Sein jüngerer Bruder Guido ist tot, hingerichtet in Partisanenkämpfen im Februar 1945, den gebrochenen, alkoholkranken Vater haben sie zurückgelassen.

Stazione Termini Roma. Oktober 2013 - Foto © Welz

Stazione Termini Roma. Oktober 2013 – Foto © Welz

 

Pasolini wird vorübergehend bei einer … befreundeten Familie untergebracht, die an der Piazza Costaguti im alten jüdischen Ghetto im Herzen der Stadt wohnt, einige Schritte entfernt von der Fontana delle Tartarughe, …

aus dem Ausstellungskatalog „Pasolini Roma“, München 2014, Kapitel I, S.9

 

Der Schildkrötenbrunnen auf der Piazza Mattei in Rom - Foto © Welz

Schildkrötenbrunnen auf der Piazza Mattei in Rom – Foto © Welz

 

„… Die vier Jünglinge auf der Piazza delle Tartarughe, die die Muscheln halten; glänzend, wie verrückt glänzend, sind das einzige, das dem Griff des Windes entgeht. Mit ihrer Nacktheit durchdringen sie die Nacht. …“

Pier Paolo Pasolini, Römische Nächte, aus: Ali dagli occhi azzurri (Ali mit den blauen Augen), 1965 im Ausstellungskatalog „Pasolini Roma“, München 2014, S. 12

Kapitel II
1955 Veröffentlichung seines Romans Ragazzi di Vita, erster bedeutender literarischer Erfolg. Er führt den römischen Volksdialekt „Romanesco“ in die italienische Literatur ein. Er arbeitet an den Drehbüchern für Mario Soldati, Federico Fellini und Mauro Bolognini. Er findet Freunde: das Schriftstellerpaar Alberto Moravia und Elsa Morante und die junge Sängerin und Schauspielerin Laura Betti. Er zieht aus der weiter entfernten Vorstadt Rebibbia in das Viertel Monteverde, zuerst in dei Via Fonteiana, später in die Via Carini. Am Abend ist er in den Bars und Restaurants an der Piazza Navona, der Piazza del Popolo oder am Campo de’Fiori.

Aber in der Nacht „…verbringe ich den wesentlichen Teil meiner Zeit jenseits der Stadtgrenzen, hinter den Endstationen …“  Ausstellungskatalog, Pasolini Roma, München 2014, Pasolini II, S.50

1957 erscheint seine Gedichtsammlung Le ceneri di Gramsci (dt. 1980 Gramsci’s Asche).

Gramsci's Asche auf dem Cimitero Acattolico in Rom - Foto © Welz - Oktober 2014

Gramsci’s Asche auf dem Cimitero Acattolico in Rom – Foto © Welz – Oktober 2014

 

Gramsci’s Asche

…  Du kannst, begreifst du es? nur an diesem Ort der Fremden
ruhen, noch immer verbannt. Vornehme,

Langeweile um dich herum. Verblaßt nur
klingt manchmal ein Hammerschlag zu dir herüber
aus den Werkstätten des Testaccio, verschluckt

vom Abend: zwischen armseligen Schuppen, 
nackte Blechberge, Schrotthügel, wo ein lümmelnder Lehrbursch
sein Tagwerk zu Ende singt,

während der Regen aufhört. …

Pier Paolo Pasolini, Gramsci’s Asche (Mailand 1957/ dt. Übersetzung München 1980)


Kapitel III

1961 realisiert Pasolini seinen ersten Film als Regisseur und Drehbuchautor: Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß. Reise nach Indien und nach Afrika. 1962 Mamma Roma mit Anna Magnani. Nach dem Film La ricotta (Der Weichkäse) 1962 wird er wegen Verunglimpfung der Religion angeklagt. Weitere Prozesse folgen. Bei den Dreharbeiten lernt er den Schreinerlehrling Ninetto Davoli kennen, der die große Liebe seines Lebens werden soll.
Zwischen 1949 und 1977 ( zwei Jahre nach seinem Tod) stand Pasolini insgesamt 33 Mal aufgrund unterschiedlichster Anklagen vor Gericht: Homosexualität, Verführung Minderjähriger, Verunglimpfung der Religion, sittengefährdeter Schriften und Bilder sowie Verleumdung. Sämtliche Prozesse gegen den Dichter enden mit einem Freispruch.


Kapitel IV

1963 kauft er eine Wohnung in der Via Eufrate 9 im Stadtteil EUR. 1963 macht er einen Umfragefilm zur Sexualität. Er fährt durch ganz Italien, das Mikrofon in der Hand und macht Interviews über die Haltung zur Sexualitä: Comizi d’amore (Gastmahl der Liebe).  Es entstehen die Filme Das Erste Evangelium Matthäus, 1964; Große Vögel – Kleine Vögel, 1966; Edipo Re – Bett der Gewalt, 1967; Teorema – Geometrie der Liebe, 1968; Der Schweinestall, 1969. Er reist nach Süditalien, nach Indien, in den Jemen, nach Kenia, Ghana und Nigeria.

Palazzo della Civiltà del Lavoro im Stadtteil EUR Roma - Foto © Welz

Palazzo della Civiltà del Lavoro im Stadtteil EUR Roma – Foto © Welz

 

Große Teile des Filmes „Das Erste Evangelium Matthäus“ werden in Matera gedreht, dessen Armut Carlo Levi in seinem Roman „Christus kam nur bis Eboli“ (1945, dt. 1947) beschrieben hatte.

 

Matera in der Basilikata - Foto © Welz

Matera in der Basilikata – Foto © Welz

 

Kapitel V
Am Tag nach den Krawallen zwischen Polizei und protestierenden Studenten bei der Fakultät für Architektur/ Valle Giulia in Rom am 1. März 1968 schrieb Pasolini das provozierende Gedicht „Ich hasse euch, liebe Studenten“. Die Wochenzeitschrift L’Espresso druckt es unter einem anderen Titel: Il PCI ai giovani! Der PCI an die Jugend!
Der Kurator der Ausstellung Gianni Borgna:
„… er wusste sehr gut, dass die Demonstranten ‚auf der Seite des Rechts‘ standen und die Polizisten ‚auf der Seite des Unrechts‘. Aber ihm war auch klar, dass es sich bei diesen Studentenprotesten um eine Auseinandersetzung innerhalb der bürgerlichen Klasse handelte, während die Polizisten alles arme Schlucker aus dem Süden waren, die ihre Arbeit zum Überleben brauchten.“
Ausstellungskatalog „Pasolini Roma“, München 2014, S.196

1969/1970 dreht er mit Maria Callas in der Titelrolle den Film Medea.

 

Kapitel VI
1971 erklärt ihm Ninetto Davoli, dass er sich verheiraten wird. Zwischen 1970 und 1974 arbeitet er an La trilogia della vita/ Die Trilogie des Lebens: in Süditalien dreht er Il Decameron/ Das Decameron, darauf in England I racconti di Canterbury/ Pasolinis tolldreiste Geschichten. Schließlich reist er nach Ägypten, Jemen, Indien, Iran, Eritrea, Afghanistan und nach Nepal, um Schauplätze für den dritten Film Erotische Geschichten aus 1001 Nacht zu finden.
1970 kauft er den mittelalterlichen Turm von Chia bei Soriano in der Nähe von Viterbo, den er schon Jahre zuvor entdeckt hatte. Dort beginnt er mit der Niederschrift seines unvollendeten Romanes Petrolio, er wollte mit geplanten 2000 Seiten eine Summe seines Schaffens vorlegen. Er fängt wieder an zu malen. Mit seinem Freund Alberto Moravia lässt er ein Haus auf der Düne von Sabaudia bauen.
Er dreht an seinem letzten Film: Salò o le 120 giornate di Sodoma –  Die 120 Tage von Sodom. Während der Dreharbeiten bekommt er Morddrohungen, er erlebt politischen Druck, Filmmaterial wird ihm gestohlen.

 

GAMBRINUS Piazza del Cinquecento Roma. Hat sich Pier Paolo Pasolini am Abend des 1.11.1975 hier mit Pino Pelosi getroffen, wenige Stunden vor seiner Ermordung? Foto © Welz

GAMBRINUS Piazza del Cinquecento Roma. Wen hat Pier Paolo Pasolini am Abend des 1.11.1975 Allerheiligen hier getroffen, wenige Stunden vor seiner Ermordung? Foto © Welz –  Oktober 2014

 

Am Morgen des 2.11.1975, Allerseelen wird Pasolinis lebloser Körper schlimmstens zugerichtet am Strand von Ostia aufgefunden.

In der Nacht halten die Carabinieri Giuseppe Pelosi, genannt „Pino der Frosch“ am Steuer von Pasolinis Wagen, einem Alfa Romeo Giulietta 2000 an und nehmen ihn fest. Beim späteren Verhör gesteht dieser den Mord an Pier Paolo Pasolini. 1979 wird Pino Pelosi als einziger Schuldiger am Tod von Pasolini zu neun Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt. Er verbüßte seine Tat bis 1982.

Der Ausstellungskatalog endet mit der Grabrede von Alberto Moravia zum Begräbnis von Pier Paolo Pasolini am 5. November 1975 auf dem Campo de‘ Fiori in Rom. Die Wahl des Platzes hatte symbolische Bedeutung. Hier wurde im Jahr 1600 Giordano Bruno als Ketzer verbrannt. Ein Denkmal erinnert bis heute daran. Pasolinis Grab befindet sich auf dem Friedhof von Casarsa im Friaul, dem Dorf seiner Mutter, wo er als junger Volksschullehrer vor seiner Zeit in Rom arbeitete.
Die Ausstellung endet mit neuen Erkenntnissen und Fragestellungen zur Ermordung Pasolinis. 2005 erklärte der mutmaßliche Täter Pino Pelosi im italienischen Fernsehen, dass nicht er der Täter war, sondern andere Personen, deren Identität er jedoch nicht kenne. Sie drohten, seiner Familie etwas anzutun, wenn er reden würde. Er habe sich einfach daran gehalten. Inzwischen sind seine Eltern gestorben. Er hat sein Schuldbekenntnis widerrufen.
Die Frage bleibt offen: Warum starb Pier Paolo Pasolini einen gewaltsamen Tod?

 

Martin-Gropius-Bau Berlin
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
Tel +49 30 254 86-0

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Montag 10 – 19 Uhr, Di geschlossen, an Feiertagen geöffnet, 24.12. und 31.12. geschlossen

Eintritt
Einzelticket € 10 / ermäßigt € 7/ Gruppen (ab 5 Personen) p. P. € 7
Eintritt frei bis 16 Jahre. Kombi-Tickets zum vergünstigten Preis an der Kasse erhältlich.

Veranstalter:
Berliner Festspiele. In Zusammenarbeit mit dem CCCB – Centre de Cultura Contemporània de Barcelona, der Cinémathèque française in Paris und der Azienda Speciale Palaexpo – Palazzo delle Esposizioni Roma.

Zur Ausstellung gibt es ein Programm für Schüler und Schulklassen ab Klassenstufe 8.

Der Katalog „Pasolini Roma“ kostet während der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau 29 €, im Buchhandel 39,95 €.

 

Hier kannst du Pasolini durch Rom folgen und Filmausschnitte sehen: Pasolinis Roma

Alexander Smoltczyk hat am 14.05.2005 über die Wiederaufnahme des Falles im Spiegel 20/2005 berichtet: Das Schweigen des Frosches.

Im Oktober 2013 wurde auf ARTE der Film DIE AKTE PASOLINI von Andreas Pichler gezeigt. Er untersucht die Umstände der Ermordung Pasolinis und zeichnet ein spannendes wie düsteres Bild Italiens im 20. Jahrhundert. Eine Hommage an das Leben und Werk Pier Paolo Pasolinis. Produced by Gebrueder Beetz Filmproduktion. Hier der Trailer

 

Die Akte Pasolini – 1 min from gebrueder beetz filmproduktion on Vimeo.


„Pasolini Roma“
  – das ist mein Kulturtipp für Herbst 2014 und mein Beitrag für die Blogparade von Tanja Praske. Leider verspätet! Ich musste erst aus Rom nach Stuttgart zurückkommen, um an diesem Beitrag über die Berliner Ausstellung schreiben zu können! Manchmal braucht man Distanz!

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  1. Liebe Andrea,

    so einen „hinterhergeorgelten“ Beitrag zur Blogparade #KultTipp nehme ich sehr gerne an!

    Vermutlich schaffe ich es nicht nach Berlin zur Ausstellung, aber du hast mir Lust gemacht, mir die Filme von Pasolini nochmals anzuschauen – sehr schöne Fotos!

    Herzlich,
    Tanja

    • Liebe Tanja, vielen Dank für deine Einladung zur Blogparade #Kulttipp
      Gerne bin ich dabei! Hoffentlich bekommt die Ausstellung „Pasolini Roma“ im Martin-Gropius-Bau Berlin viele Besucher. Sie hat es verdient. Sehr interessant ist auch die website zur Ausstellung http://www.pasoliniroma.com da kannst du durch Rom spazieren und die Orte aufsuchen, die mit Pasolini verbunden sind …
      Herzliche Grüsse, Andrea
      P.S. Ich überlege eine Blogparade zu „Reisesouvenirs“ auszurufen. Wie findest du die Idee? Wärst du dabei?

  2. Pinkback: Blogparade-Aufruf: "Das müsst ihr sehen: mein Kultur-Tipp"

  3. Liebe Andrea,

    finde ich eine gute Idee „Reisesouvenirs“. Blogger sollten vielleicht nicht unbedingt von ihren Souvenirs aus der Türkei berichten, gell? Außer es handelt sich um Gewürze oder irgendwelchen Kitsch 😉

    Meine Souvenirs sind hauptsächlich Fotos und verschlingbare, wie Wein und Käse oder Wurst. Muss ich wohl noch schnell von unserem letzten Urlaub ein Foto vom Ziegenkäse machen – ist fast alle! Ja, ich mache bei dir mit.

    Herzlich,
    Tanja

  4. Pinkback: Das war mein Reisejahr 2014 | Kunst und Reisen

  5. Pinkback: Fazit BLOGPARADE Reisesouvenirs | Kunst und Reisen

  6. Pinkback: Kulturtipps in Berlin - Museen, Künstlerinnen und Festivals #KultTipp 7

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